Der Dorfplatz von Lauterbrunnen stockt. Eine

Frau mit roten Haaren und einem Tornister voller

Kräuter tritt hervor. Sie nennt sich Die

heilkundige Frau, aber niemand kennt sie. Die

Einwohner flüstern über ihre Herkunft, doch sie

sagt nichts. Sie hat nur einen Blick für den

Berg, der vor dem Dorf steht.

Am nächsten Tag verschwindet ein Junge. Die

Dorfältesten verweigern die Suche. Sie sagen, es

sei die Strafe der Alten Götter. Die heilkundige

Frau bleibt unberührt. Sie sammelt Blüten an der

Quelle, wo das Wasser blau schimmert. Die

Dorfklatschfrauen beobachten sie, aber sie redet

nicht.

Als der Junge am dritten Tag zurückkehrt, ist er

anders. Seine Augen sind leer, sein Mund bewegt

sich, aber kein Ton kommt heraus. Die

Dorfältesten verbieten, ihn zu berühren. Die

heilkundige Frau stellt eine Schale mit Salz auf

den Altar. Sie murmelt Wörter, die niemand

versteht. Der Junge zittert, dann stirbt er.

Die Dorfklatschfrauen sammeln sich. Sie flüstern,

dass die heilkundige Frau eine Fremde ist, eine,

die aus der Antike kommt. Sie haben gehört, dass

in der Zeit der Regeneration die alten

Gottheiten noch gesprochen haben. Doch die

heilkundige Frau sagt nichts. Sie fährt mit der

Hand über den Boden, als suche sie etwas.

Ein Mann mit einem Messer taucht auf. Er sagt,

er sei der Sohn des Verstorbenen. Er will Rache.

Die heilkundige Frau blickt ihn an, dann dreht

sie sich um. Sie geht zum Berg, ohne zu sehen,

wie er ihr folgt. Als sie den Gipfel erreicht,

stößt sie gegen einen Stein. Darunter liegt ein

alter Schrein. Er ist aus Bronze, mit Zeichen,

die niemand kennt.

Der Mann mit dem Messer ruft ihren Namen. Sie

antwortet nicht. Sie öffnet den Schrein. Darin

liegt ein Bild – ein Mann, der aussieht wie sie.

Sie berührt es, und plötzlich spürt sie die

Kälte der Erde. Die Dorfklatschfrauen hören

einen Schrei, aber sie wissen nicht, wer ihn

ausstößt.

Als sie zurückkommt, ist der Mann tot. Sein

Messer liegt im Schnee. Die heilkundige Frau

setzt sich auf den Berg. Sie sieht den Schnee,

der langsam schmilzt. Sie denkt an die Zeit, als

die Alpen noch keine Grenzen waren, als die

Menschen den Göttern noch glaubten. Sie fragt

sich, ob sie jemals ein Zuhause hatte.

Der Dorfplatz ist leer. Die Dorfklatschfrauen

haben sich abgewandt. Die heilkundige Frau

bleibt sitzen. Sie sieht den Schnee, der sich in

Wasser verwandelt. Sie denkt an den Jungen, an

den Mann, an die Zeit, die sie nicht versteht.

Sie weiß, dass sie nie wieder nach Hause kommen

wird. Aber sie hat gesehen, was unter den Alpen

liegt. Und sie wird es niemals vergessen.