Im Herbst 1839 landet eine junge Frau aus
Frankreich in Zürich, ihr Vater ein reformierter
Pastor, ihre Mutter eine verängstigte Gattin.
Sie trägt den Namen Élise und spricht mit einem
schwachen Akzent, den sie nicht loswird. In der
engen Altstadt findet sie Arbeit bei einer
Familie, die auf die Reformer hofft. Die Kinder
lernen Latein, die Eltern flüstern über die
neuen Gesetze. Élise hört zu, lernt die Sprache,
doch ihre Augen sind stets auf das Hochland
gerichtet – wo die Berge still bleiben, während
die Menschen sich bewegen.
Ein Tag, an dem sie durch die Dorfstrasse geht,
wird zur Falle. Ein junger Mann, Mitglied der
konservativen Freischar, erkennt sie als Fremde,
deren Eltern die Kirche verlassen haben. Er
führt sie in einen alten Schuppen am Rande der
Sihl, verbunden mit Seilen, gefesselt. Er nennt
sich Karl, ist kein Farmer, sondern ein Student,
der gegen die liberalen Reformer kämpft. Er sagt:
„Du bist ein Symbol, Élise. Ein Fremdkörper.“
Die Nacht ist kalt. Die Wände des Schuppens sind
feucht. Élise weint nicht, aber ihre Hände
zittern. Sie denkt an ihre Mutter, die immer
sagte, dass die Schweiz ein Land der Neutralität
sei. Doch hier, zwischen zwei Ideologien, gibt
es keine Neutralität. Nur Gewalt.
Am nächsten Morgen kommt ein Bäuerlein, dessen
Tochter im Dorf verschwunden ist. Er bringt Brot,
Wasser, und fragt nach seiner Tochter. Élise
schweigt. Karl schaut sie an, dann nickt er. Er
lässt sie gehen, aber nicht frei. Er legt ihr
einen Brief in die Hand. Darin steht: „Wenn du
lebst, wirst du uns alle verändern.“
Zurück in der Stadt, schreibt Élise an ihre
Eltern. Sie sagt nichts von der Entführung, nur
dass sie jetzt weiß, was es bedeutet, in einer
Zeit zu leben, die sich selbst zerstört. Sie
beginnt, in die Bibliothek zu gehen, liest
Bücher über Politik, über Sprachidentität, über
die Grenzen, die Menschen errichten.
Ein Jahr später, im Winter 1840, wird sie in
einem Dorf im Kanton Uri gesehen – nicht als
Gefangene, sondern als Lehrerin. Die Kinder
fragen sie nach ihrer Geschichte. Sie antwortet:
„Ich bin niemand. Ich bin nur ein Teil davon.“
Düster bleibt die Welt. Die Regenerationszeit
ist noch nicht vorbei. Aber Élise hat gelernt,
dass man sich nicht in den Kampf werfen muss, um
ihn zu verstehen. Man muss nur zusehen – und
weitergehen.


