Der Dorfplatz von Rickenbach stirnlt im Herbst.
Eine Frau mit rotem Schal und versteinerter
Miene tritt vor die Kirche. Sie trägt kein Kreuz,
sondern ein Tuch mit dem Symbol der alten
Volksmedizin. Die Leute flüstern: Die
heilkundige Frau.
In der Poststelle am See wird ein Brief
zugestellt. Er trägt das Siegel des Bundesrats.
Der Inhalt ist leer, aber der Umschlag enthält
ein Kärtchen mit einer Zahl. Die Frau zählt sie
auf ihrem Feldspaten. Sie hat vierzehn Tage, um
die Summe zu sammeln oder die Akte zu verlieren.
Die Stadt Zürich schlägt sich mit einer neuen
Gesetzgebung. Die Banken müssen ihre geheimen
Konten offenlegen. Die Frau besucht den
Bürokraten im Rathaus. Er weist sie ab, doch
sein Schlüssel fällt in den Abfluss. Sie folgt
ihm durch die Kanalisation bis zu einem Raum, in
dem Geld in Tüten gestapelt wird. Ein Mann mit
Brille und leeren Augen spricht: "Du bist nicht
die Erste, die fragt."
Sie findet die Akte in einem Bergwerk unter dem
See. Darin steht, dass ein Arzt im Zweiten
Weltkrieg ein Geheimnis über die Schweizer
Finanzmacht versteckt hat. Die Frau liest es,
dann schreibt sie ihre eigene Notiz daneben:
"Ich bin nicht allein." Sie steckt die
Akte in
ihren Sack und geht zurück.
Am nächsten Tag wird sie vor Gericht gestellt.
Der Richter fragt nach dem Verbrechen. Sie
antwortet nicht. Stattdessen zeigt sie die Akte.
Der Richter nickt. Er kennt das Dokument bereits.
Er sagt: "Du hast die Grenze überschritten."
Dann wird sie entlassen.
Im Dorf wird sie nie wieder gesehen. Doch in der
Nacht schreibt jemand eine Nachricht an die
Zeitung. Es ist eine Zeile: "Die Heilkundige hat
gesprochen." Die Leser wissen, was sie meint.
Sie haben es schon lange gewusst.


