Die Melodie des Flügels in der alten Zürcher

Wohnung war das letzte, was Clara hörte, bevor

die Tür aufschwang und ein Mann in einem dunklen

Mantel hereinkam. Er trug keine Waffe, nur einen

Notenblock. Sie kannte ihn nicht, doch sein Name

stand in den Zeitungen: Hans Weber, ein

Komponist, der seit Jahren verschwunden war.

Clara folgte ihm, ohne zu zögern. Die Luft im

Lift roch nach alter Holz und verbranntem Papier.

Als sie auf die Strasse traten, hatte es

begonnen zu regnen. Der Regen wusch alle Spuren

ihres Wohnblocks fort. Hans führte sie durch

enge Gassen, bis sie vor einer schmalen Tür

standen, die in den Untergrund führte.

Unter der Erde lag eine Halle, voller

Instrumente, Bücher und Schallplatten. Auf der

Wand hing ein Schild: „Zurück zur Stille“. Clara

erkannte den Namen aus ihrer Kindheit – eine

legendäre Musikschule, die in den 1970s

geschlossen worden war, als die Stadt sich vom

Klang des Alpenrausches abwandte.

Hans setzte sich an das Klavier und spielte.

Nicht eine bekannte Melodie, sondern etwas Neues,

etwas, das Clara tiefer berührte als alles, was

sie je gespielt hatte. Ihre Hände begannen zu

zittern. Sie wollte fliehen, doch ihre Füsse

blieben wie festgeklebt.

In diesem Moment spürte sie die Sehnsucht nach

Ferne – nicht als Traum, sondern als Realität.

Die Wände der Halle begannen zu schmelzen, als

ob sie aus Glas seien. Clara sah überall

Gesichter, die sie kannte, aber nicht mehr

erinnerte. Die Luft wurde schwer, und sie wusste,

dass dies nicht einfach eine Entführung war,

sondern ein Ritual.

Ein neuer Raum öffnete sich. Ein kleines Zimmer

mit einem Fenster, das nach draussen führte –

aber nicht in die Stadt, sondern in eine weite

Landschaft, die sie nie gesehen hatte. Ein Berg,

umgeben von Wolken, der sich bewegte, als ob er

atmete. Clara starrte hinaus. Dies war der Ort,

den sie suchte, ohne es zu wissen.

Doch dann bemerkte sie, dass ihr Körper nicht

mehr ihr gehörte. Hans hatte sie in einen

Zustand versetzt, in dem sie nicht mehr wählen

konnte. Die Sehnsucht nach Ferne war kein Gefühl,

sondern ein Befehl.

Als sie zurückkehrte, war sie nicht mehr Clara.

Sie war ein leeres Blatt, auf dem niemand mehr

schreiben konnte. Die Melodie, die Hans gespielt

hatte, war das einzige, was noch übrig blieb –

und sie hallte in jedem Raum der Stadt,

unheimlich, unaufhaltsam, unendlich.