Der letzte Zug aus Zürich fährt nicht mehr. Die

Gleise sind verschüttet unter Felssturz und

Gletschereis. Im Tal von Randa, wo einst

Bergsteigerdramen und Dorfklatsch die Tage

bestimmten, liegt nun nur noch Stille. Der Boden

ist tief gefroren, das Wasser stinkt nach

verbranntem Metall. Ein KlimaVerfall seit 2047

hat alle alten Regeln gelöscht: kein Geld mehr,

keine Fahrkarten, kein Vertrauen in die

Zentralbank.

In einer ehemaligen Poststation, jetzt halb

eingebrochen, findet der Bankier Markus

Vollenweider einen Notizblock mit Handschrift

aus dem Jahr 1952. Auf der letzten Seite steht:

„Die Quelle heilt, aber sie kostet das Blut des

Erben.“ Seine Hände zittern. Es ist die

Handschrift seines Vaters – der nie existierte.

Er erinnert sich plötzlich an eine Nacht vor

zwanzig Jahren, als er im Eingang eines

stillgelegten Tunnels eine Mutter und ihr Kind

gefunden hatte. Kein Ausweis. Kein Name. Nur ein

kleiner Ring mit einem seltsamen Zeichen. Damals

wurde es gelöscht. Jetzt wächst das Bild wieder:

der Junge, der heute wäre, wenn er geblieben

wäre.

Drei Tage später tritt er in den Tunnel. Die

Luft riecht nach Salz und Lehm. Am Ende, hinter

einer Eiswand, befindet sich eine Höhle mit

einem Becken aus schwarzem Stein. Das Wasser

darin leuchtet. Als er hineintaucht, spürt er

kein Brennen, sondern eine Welle, die durch

seine Muskeln rast. Sein Bein – seit dem Unfall

2038 taub – beginnt zu zucken. Er kann aufstehen.

Doch dann bricht das Licht aus. Nicht von oben.

Von innen. Eine Stimme formt sich in seinem Kopf:

„Du bist nicht der erste. Du bist der letzte.“

Die Worte sind nicht seine. Sie kommen aus dem

Wasser.

Am nächsten Morgen steht er am Rand des

Talgrundes. Sein Gesicht ist grau, doch seine

Augen blicken klar. Er hat die Heilung bekommen

– aber auch die Erinnerung zurück. Die Kinder,

die damals verschwanden, waren nicht gestorben.

Sie wurden in die Tiefe geschickt. Als

Versuchskanonen für eine neue Art von Menschen.

Und die Bank, die er geleitet hat, war nur ein

Schleusenpunkt.

Er setzt sich auf einen Stein. Zieht den Ring

hervor. Legt ihn in das Becken. Der Wasserstand

sinkt um drei Zentimeter. Das Leuchten flackert.

Dann hört man ein Geräusch: ein alter Sirenenruf

aus der Regenerationszeit, als die Kantone noch

kämpften.

Kein Laut mehr. Nur das Knirschen von Eis.

Die Quelle ist still. Aber sie funktioniert. Und

sie kennt seinen Namen.