Die Alpen sind leer. Die Städte sind Ruinen,
doch die Züge fahren noch, wenn auch langsam.
Ein Mann namens Rolf, ein ehemaliger Maler, lebt
in einer Höhle am Fuße des Gemsstock. Seine
Hände zittern, nicht vom Alter, sondern von dem,
was er gesehen hat: eine Welt, die sich
verändert hat, ohne dass jemand es verstand.
Er malt nicht mehr. Stattdessen sammelt er
Wörter. In der alten Schweiz sprachen sie drei
Sprachen, jetzt gibt es nur noch zwei. Der Süden
redet Deutsch, der Norden Französisch. Und
zwischen beiden, in den Alpen, ist kein Wort
mehr übrig.
Rolf wird von einem Fremden aufgesucht, einem
Mann mit einem Namen, den niemand mehr verwendet.
Er bringt ein Buch mit, das in einer Sprache
geschrieben ist, die nicht mehr existiert. „Das
ist dein Werk“, sagt er. Rolf erkennt seine
eigenen Zeichnungen, aber die Wörter darunter
sind fremd.
In der Nacht verbrennt Rolf das Buch. Doch die
Asche bleibt. Sie landet in einem Fluss, der
nach Zürich fließt. Dort wird sie gefunden von
einer Gruppe, die sich als „Sprachwächter“ nennt.
Sie glauben, dass Rolf der Schlüssel sei, um die
letzte Sprache zu retten – die Dialekte der
Alpen, die im Krieg untergingen.
Doch Rolf weigert sich. Er hat gelernt, dass
Sprache Macht ist. Und Macht führt zu Verrat.
Als er erfährt, dass die Sprachwächter ein
geheimes Netzwerk aus Spionen sind, die für
beide Seiten arbeiten, bricht er aus.
Er zieht in den Berg, wo keiner hingehört. Dort
baut er ein Zeichen aus Steinen, das keine
Sprache kennt. Es ist ein Kreis, der keinen
Anfang hat und keinen Ende. Es ist ein
Versprechen.
Die Welt ändert sich nicht. Aber Rolf weiß, dass
etwas anderes begonnen hat. Eine Hoffnung, die
nicht in Wörtern liegt, sondern in der Form
eines Steinzeichens, das niemand verstehen kann
– und doch alle sehen.


