Im Herbst 1932, während der Regenerationszeit,

wird das Dorf Gletschertal von einem

unerwarteten Phänomen heimgesucht: Die

Berghütten erstrahlen in einer fremdartigen,

bläulichen Lichtung, die nur zu bestimmten

Stunden sichtbar ist. Die Einwohner meiden sie,

doch Clara Halden, eine junge Frau mit einer

abgebrochenen Ausbildung an der Zürcher

Hochschule, folgt ihrem Impuls. Sie hat seit

einem Unfall vor zwei Jahren keine klaren

Erinnerungen mehr – ein Gedächtnisverlust, den

ihr Vater als «Zauber des Berges» bezeichnet.

Clara entdeckt in der Hütte einen Spiegel, der

nicht ihr Bild reflektiert, sondern eine andere

Realität. Jedes Mal, wenn sie ihn berührt,

verändert sich ihre Umgebung: Bäume wachsen

rückwärts, die Luft schmeckt nach Eisen, und

ihre Stimme klingt fremd. Sie beginnt, die

Grenzen ihres eigenen Seins zu überschreiten,

was sowohl Furcht als auch Neugier in ihr weckt.

Ihre skeptischen Nachbarn nennen sie «die

Verfluchte», doch Clara lacht sarkastisch über

ihre Angst.

Ein harter Regel existiert im Dorf: Niemand darf

den Spiegel länger als drei Minuten ansehen,

sonst verliert man die Orientierung. Clara

bricht diese Regel. Als sie am nächsten Morgen

aufwacht, ist ihr Vater verschwunden. Auf seiner

Bettkante liegt ein Brief, in dem er schreibt,

dass er ihr nie verzeihen könnte, falls sie

jemals den Berg verlässt.

Die Dorfälteste, eine ehemalige Lehrerin namens

Marta, erklärt Clara, dass der Spiegel ein

Überbleibsel aus einer längst vergessenen Zeit

sei – einer Epoche, in der die Grenzen zwischen

Leben und Tod fließend waren. Clara fragt sich,

ob sie selbst Teil dieses Rituals ist oder nur

ein Ablenkungsmanöver für etwas Grösseres.

Als der letzte Mond des Jahres aufgeht, öffnet

sich der Spiegel endgültig. Clara sieht ihre

eigene Vergangenheit – aber nicht als sie selbst,

sondern als eine Fremde, die im Dorf lebt und

niemals ihre Tochter gewesen ist. Der Spiegel

bricht. Die Lichtung verschwindet. Clara bleibt

allein mit der Gewissheit, dass

Grenzüberschreitung nicht immer eine Freiheit

ist, sondern auch ein Preis.

Sie verlässt das Dorf, ohne sich umzublicken.

Die Leute murmeln, dass sie «diejenige ist, die

den Berg verlor». Clara antwortet nicht. Sie

lächelt sarkastisch und geht weiter.