Der Gletscher von Tiefenwald bricht unter dem

Gewicht eines neuen Jahres – kein Schnee, kein

Wind, nur ein Schweigen, das sich durch die

Täler fraß. Frauen aus der alten

Dorfgemeinschaft, früher Handwerksgesellen,

heute Verwahrerinnen von Namen, sammeln nun die

Worte der Toten, um sie gegen die

Vergesslichkeit zu wappnen.

In der Hütte am Rand des Rhaetischen Böden wird

eine alte Frau gefunden, halb erfroren, mit

einem Päckchen aus rotem Leinen an der Brust.

Sie trägt keinen Namen. Ihre Augen wissen nicht,

ob sie schon einmal hier war. Die Nachbarin, die

einst ihre Enkelin heimgebracht hatte, starrt

auf die Fassade ihres Hauses – dort steht seit

Jahrhunderten die Inschrift: „Nichts wird

vergessen, wenn man es ruft.“

Ein Mädchen aus dem Süden kommt mit einer

Sackkarre voller Stoffreste, aus einem

abgebrannten Dorf jenseits der Passstraße. Es

hat keine Heimat, nur einen Zettel, auf dem

steht: „Flüchtling. Kein Papier. Keine Sprache.

Nur die Sehnsucht nach einem Ort, wo man nicht

mehr fliehen muss.“ Es bleibt bei der alten Frau.

Sie hält ihren Arm fest, als der erste Frost den

Boden durchbohrt.

Am Tag des ersten Sonnenaufgangs im März bricht

die Eisdecke des Gletschers. Das Wasser dringt

in die alten Kanäle, füllt die Grabkammern

unterhalb der Kirche. Ein Dutzend alter Briefe,

verschlossen mit Wachs, wird ans Licht gebracht.

Eine davon trägt den Stempel der damaligen

Kantonsregierung – „Entwicklungslinie 3: Alle

Dokumente der letzten Generation sind zu

verbrennen.“

Die alte Frau geht zum Brunnen. Legt ihre Hand

auf den Stein. Spricht nicht. Aber das Wasser

rauscht plötzlich anders. Als ob es sie erkannt

hätte. Sie greift in den Eimer, zieht ein altes

Medaillon hervor. Darin: ein Foto von zwei

Frauen, die lachen, vor einer Hütte mit Kranz

aus Efeu. Die andere ist das Mädchen.

Drei Tage später liegt der Berg still. Die

Gemeinde versammelt sich im Dorfzentrum. Niemand

sagt etwas. Doch die Frauen stellen sich in

einer Reihe auf, alle tragen rotleinene Schals.

Jede hält ein Buch, dessen Seiten leer sind. Die

alte Frau öffnet das ihre. Auf der ersten Seite

steht: „Ich war nie tot. Ich war nur vergessen.“

Sie schließt das Buch. In ihrem Kopf kehrt

nichts zurück. Aber im Dorf stirbt die Angst.

Die Mädchen, die vorher flohen, bleiben. Die

Frauen, die sprachlos waren, reden jetzt.

Im Mai beginnt die neue Saison. Der Bach fließt

klar. Auf dem Feld am Hang blüht ein Strauch,

den niemand gepflanzt hat. An seiner Spitze

hängt ein kleines Kästchen. In ihm: ein neues

Blatt. Keine Unterschrift. Nur ein Wort,

geschrieben in der alten Handschrift:

„Gedächtnis.“