Im tiefsten Wallis, am Rande des

AletschGletschers, lebt seit Jahren ein Mann

namens Konrad als Hüttenwart. Sein Tag beginnt

mit dem Schmelzen von Schnee zur Herstellung von

Käse, und sein Abend endet mit dem Zählen der

Sterne über dem Gletscher. Doch eines Tages, bei

einer Schneefälle, stößt er auf eine Spur, die

nicht vom Berg stammt: eine zerbrochene Laterne,

daneben ein Schlüssel aus altem Silber.

Konrad folgt der Spur bis zu einem versteckten

Pass, wo ein Schloss aus Stein und Glas thront,

das niemand je gesehen hat. Es trägt keine

Wappen, keine Namen – nur ein Schild, das

schreibt: „Wer dies betritt, wird nie mehr

zurückkehren.“ Dennoch öffnet er die Tür.

Das Schloss ist leer, aber lebendig. Die Wände

flüstern in einer Sprache, die er nicht versteht,

aber fühlt. Jede Stunde, die er dort verbringt,

spürt er, wie die Sehnsucht nach Ferne in ihm

wächst – als würde er sich in einen anderen

Körper schlüpfen, weit weg von den Alpen, von

der Sprache, von allem, was ihn gebunden hat.

Doch die Unheimlichkeit wächst. Die Zeit im

Schloss vergeht anders. Die Sterne draußen haben

sich verändert. Konrad merkt, dass er sich

verändert: Seine Hände werden kälter, seine

Stimme bricht. Die Wände sprechen nun direkt in

seinen Kopf. Sie sagen: „Du bist jetzt Teil der

Ferne. Du bist frei.“

Ein Tag später kehrt er zum Schloss zurück, um

es zu verlassen – doch die Tür ist verschlossen.

Der Schlüssel passt nicht mehr. Konrad steht vor

einer Wahl: Er kann sich selbst opfern, um das

Schloss zu verlassen, oder er bleibt für immer

darin, um die Sehnsucht nach Ferne zu vollenden.

Er wählt das Opfer. Als er den Schlüssel in die

Tür steckt, zerreißt das Schloss sich selbst.

Die Wände zerfallen, das Licht wird dunkel, und

Konrad verschwindet.

Am nächsten Morgen findet ein Wanderer die Hütte

leer vor. Auf dem Tisch liegt ein Brief,

geschrieben in einer unbekannten Handschrift:

„Die Ferne ist nicht fern. Sie ist hier, und sie

ist ewig.“

Der Gletscher bleibt still. Das Schloss bleibt

verborgen. Konrad bleibt ein Geheimnis.