Im Schatten der zerstörten Alpen steigt das
Wasser langsam an. Das Dorf Lütschental,
eingeschlossen zwischen Felsen und schmelzenden
Gletschern, hat sich in ein Netz aus Holzbrücken
und Erdschanzen verwandelt. Die Ernte ist
verdorben, die Bank in Zürich ist Geschichte,
und die Sprachidentität der Einwohner wird von
Tag zu Tag schwieriger zu halten.
Die weise Grossmutter Klara, einst Lehrerin am
Dorfkindergarten, leitet nun die Verteidigung
der Höhle, wo die Letzten sich versammelt haben.
Ihre Hände sind rissig, doch ihr Geist klar. Sie
kennt die alten Lieder, die vor der Zerstörung
gesungen wurden, und sie weiß, wie man mit dem
Feind redet – ohne Waffen.
Als die Flut den ersten Bach überflutet, beginnt
die Flucht. Eine Gruppe setzt sich auf die
Rücken der Bergsteiger, die ihre Kletterseile
als Brücke nutzen. Klara bleibt zurück, um die
Kinder zu beschützen, während die anderen nach
Süden ziehen, in die Täler, die noch nicht unter
Wasser stehen.
Die Regeln des Überlebens sind klar: Kein Wort
über die Vergangenheit, keine Nahrung für mehr
als drei Tage, kein Licht nach Sonnenuntergang.
Wer diese gebrochen hat, ist verloren. Die
Idylle, die einst das Dorf definierte, wird zur
Gefahr – doch auch zur Kraft, die sie
zusammenhält.
Klara schreibt die Namen der Verstorbenen in den
Sand der Höhle, bis die Flut sie fortspült. Die
Flucht ist gelungen. Die Heimat ist verloren.
Doch in der Ferne, jenseits der Berge, erhebt
sich ein neuer Ort – ein Idyll, das nicht aus
Stein, sondern aus Erinnerung gebaut ist.


