Der letzte Zug aus Zürich stürzte in den Tunnel

bei Chur. Kein Laut danach. Drei Tage später

fanden die ersten Überlebenden das Schneegestade

am Rickenpass: kein Signal, kein Licht, keine

Funktion mehr. Die Welt hatte aufgehört, sich zu

drehen.

Drei Jahre später – in einem Dorf namens Gspon,

halb begraben unter einer schmelzenden Kluft –

lebt die Heilige. Sie kennt die alten Kräuter,

die Pflanzen, die man seit den

Regenerationsjahren nicht mehr nennen darf. Ihre

Hände zittern nicht, aber ihre Augen weiten sich

beim Anblick des toten Kindes, das am

Gletscherfuß liegt. Ein Finger fehlt. Der zweite

Schnee hat es entdeckt.

Die Behörden in Aarau erklärten die alten Wege

für nicht mehr gültig. Niemand darf mehr ohne

Genehmigung die Bergwiesen betreten. Die Regel:

„Nur verifizierte Lebensmittelverbindungen

gelten.“ Wer Blut oder Wundkraut anbaut, wird

als Unordnungssender eingestuft. Doch die

Heilige pflückt trotzdem. Sie braucht den

Steinklee. Den weißt du nur, wenn du ihn schon

einmal gesehen hast.

Sie findet Spuren. Eine alte Holzkiste mit

abgerissenen Buchstaben: E. M.. Auf dem Boden

daneben: ein Halbkreis aus Schafsknochen. Nicht

zur Feier, sondern zum Abschrecken. Sie kriecht

durch einen Felsriss hinter dem Gletscher – und

dort, in einer ehemaligen Schneegrotte, sieht

sie den Leichnam. Noch warm. Der Mund ist mit

Bündelgras verschlossen. In der Hand: ein

Notizbuch.

Seine letzte Seite trägt einen Satz, geschrieben

in der alten Schweizer Sprache: „Sie haben den

Alpenmythos gestohlen, um ihn zu verbrennen.“

Sie liest es laut – nicht weil sie will, sondern

weil die Stimme sie überrascht. Es ist ihr

eigener Ton. Die Erinnerung kehrt zurück: vor

dem Sturz, vor dem Verbot. Ihr Vater war Geologe.

Sie hörte, wie er sagte: „Die Berge sind keine

Gestein mehr. Sie sind ein System.“

Jetzt steht sie da. Mit dem Buch in der Hand.

Vor ihr, im Schneemauerwerk, beginnt ein Ritual.

Keine Musik. Kein Gesang. Nur das Zischen des

Eis, das sich bewegt. Sie öffnet das Buch. Darin:

ein Plan. Eine Karte. Ein Flussname, der nie

existierte.

Am nächsten Tag legt sie die erste Blume auf das

Grab. Dann geht sie nach Aarau. Sie wird nicht

gefragt, ob sie kommt. Sie wird nicht angehalten.

Aber als sie die Stadtgrenze passiert, sieht sie,

dass die Straßenlampen neu sind. Die Farbe der

Schilder hat sich verändert. Kein Name mehr. Nur

Zahlen.

Sie bleibt stehen. Zählt die Schritte bis zum

Hauptplatz. Dreizehn. Genau so viele wie damals

im letzten Dorfversammlung. Die Tür zur

Krankenstation ist verschlossen. Aber sie hört

etwas. Ein Kind lacht. Von drinnen.

Sie dreht sich um. Der Schnee fällt jetzt

leichter. Nicht mehr schwer. Und in ihrem Kopf:

der alte Gesang. Nicht aus der Vergangenheit.

Aus der Zukunft.

Dieses Mal hat sie die Antwort gefunden. Nicht

gesucht. Gesehen.

Sie lädt das Kind auf ihren Rücken. Und geht

weiter.