Der 14. Oktober 1837: Ein eisiger Wind fegt
durchs Aaretal, doch kein Schnee fällt. Die
Reben hängen trocken, die Bäume bluten Rot von
der Eichenblattkrankheit. In Zermatt beginnt ein
Unwetter ohne Wolken – nur stille Hitze, dann
plötzlich Frost in den Kellern, Eis im Wasser,
Leichen im Graben.
Ein Mann in grauem Rock erreicht den Dorfplatz
von Sarnen mit einer Liste: alle sechs Gemeinden
der alten Eidgenossenschaft sollen abgelehnt
werden, wenn sie nicht die neue Verfassung
unterzeichnen. Er tritt vor den Marktplatz,
spricht nicht – nur seine Hand ruht auf dem
Stahl des Steins, der je nach Rang am Ende des
Raums geschlagen wird. Kein Ton, aber jeder
sieht die Bewegung. Die Stimmen schweigen. Der
Boden zittert.
Drei Tage später: In einer Hütte oberhalb des
LauterbrunnenGletschers findet man eine Frau.
Sie hat keine Namen, nur einen Kräuterkorb. Ihr
Gesicht ist verbrannt, ihre Hände blau. Doch sie
atmet. Sie ist die letzte, die die alten Sprüche
noch kennt: «Wenn die Berge weinen, ist es kein
Regen – es ist Blut.»
Am selben Abend trifft der Liberaler, Jakob
Meier, mit dem Adligen, Graf Moritz von Brunn,
im Tal zusammen. Kein Wort. Nur ein Spiegel
zwischen ihnen, gefüllt mit Wasser aus dem Quell.
Das Wasser riecht nach Eisen. Beide sehen ihr
eigenes Gesicht darin – dann versagt es. Der
Spiegel bricht.
Sie folgen ihr. Auf der Passhöhe, wo einst ein
Kind gestorben war, begegnen sie ihr. Sie steht
reglos im Schnee, obwohl kein Schnee liegt. Ihre
Augen sind leer, doch sie zeigt zum Gipfel. Da
fällt der erste Felsblock. Nicht vom Himmel. Aus
der Erde.
Die Männer rennen. Der Adlige stürzt in einen
Spalt, der sich plötzlich öffnet. Der Liberaler
bleibt stehen. Sieht, wie die Frau den Leichnam
des Grafen berührt. Seine Haut verblasst. Dann
wächst etwas unter seiner Haut – ein Wurzelwerk
aus Stein.
Die Frau sagt nichts. Nur ihre Hand weist zum
Tal. Dort, an der Grenze zwischen Bern und
Wallis, breitet sich eine Schlucht aus. Drei
Meter tief. Der Boden kocht. Der Geruch von
Schwefel und Holzbrand.
Als der Liberaler zurückkehrt, brennt die Kirche
von Sarnen. Die Glocke ist verschwunden.
Stattdessen liegt dort ein neues Dokument: die
neue Verfassung, unterschrieben von allen sechs
Kantonen – doch die Unterschriften sind in Blut,
nicht Tinte.
Zwei Wochen später: Im Valais wird ein neuer Hof
eröffnet. Kein Name. Nur eine Tür aus Holz, an
der ein Kreuz aus Schnee angebracht ist.
Darunter steht: «Nicht mehr der Mensch bestimmt
das Land. Es entscheidet der Berg.»
Die Heilfrau wird nie gesehen. Doch jedes Jahr,
am 14. Oktober, erscheint ein Felsen am Fuße des
Gletschers, genau dort, wo der Weg nach Sarnen
abbiegt. Er ist glatt, weiß, und spiegelt das
Licht – als würde jemand darin schauen.
Der Winter kommt erst im März. Mit ihm die
ersten Schneefälle seit 1837. Aber niemand weiß,
ob es wirklich Schnee ist.


