Im Herbst 1835 steht der Bergsteiger Karl
Fähnrich am Rande des Aletschgletschers, wo er
seit Jahren als Hüttenwart wacht. Die Kälte
schneidet tief in die Glieder, doch es ist nicht
die Witterung, die ihn beunruhigt. In den
vergangenen Wochen träumt er von fremden
Landschaften, von Städten, die er nie gesehen
hat, und von einer Sprache, die ihm vertraut
klingt, doch nicht sein eigenes Schweizerdeutsch
ist.
Die Dorfbruderschaft in Grindelwald, eine alte
Institution, die seit Jahrzehnten die Ordnung
aufrechterhält, beginnt, sich zu spalten. Auf
der einen Seite die Traditionalisten, die das
alte Recht der Landvögte verteidigen, auf der
anderen die Liberalen, die für ein modernes
Bundesstaatsrecht eintreten. Karl wird in die
Mitte gezogen, obwohl er nur daran denkt, die
Hütte warm zu halten und die Wanderer zu
beschützen. Doch sein Verstand trägt jetzt
Gedanken, die nicht aus seinem Leben stammen.
Eines Tages entdeckt er in der Hütte eine alte
Karte, auf der ein Name steht, den er nie gehört
hat: „Ludwig Reinhardt“. Es ist der Name eines
Mannes, der vor zwanzig Jahren in der Region
verschwand. Als Karl die Karte näher betrachtet,
fühlt er einen Schmerz, als hätte er selbst
diesen Namen getragen. Er fragt sich, ob er
wirklich Karl Fähnrich ist oder ob seine Seele
in einem toten Körper gefangen ist.
Ein Streit zwischen zwei Parteien im Dorf
eskaliert. Ein junger liberaler Reformator wird
verhaftet, weil er eine Rede über die
Notwendigkeit eines neuen Bundesrates gehalten
hat. Karl sieht den Mann in der Ferne, und
plötzlich weiß er, wie er sterben wird – durch
einen Dolchstich im Rücken. Doch als er sich
umdreht, sieht er nicht den Mörder, sondern sich
selbst.
Die Ereignisse in der Region sorgen dafür, dass
auch die Grenzen der Identität verschoben werden.
Karl begreift, dass die politischen Kämpfe nicht
nur das Land verändern, sondern auch die Seelen
der Menschen. Er muss entscheiden, ob er bleiben
soll, als Hüttenwart, oder ob er dem Geist
folgen soll, der in ihm lebt.
Als die Sonne untergeht, sitzt Karl an der Tür
der Hütte und blickt in die Ferne. Er trinkt
einen Schluck Bier, dann legt er die Karte
beiseite. Der Tag ist vorbei. Die Welt bleibt
unverändert. Doch in ihm ist etwas anders. Er
weiss nicht mehr, wer er ist – aber er weiss,
dass er nicht mehr allein ist.


